29.07.2015 / Demokratie / /

Wer definiert den echten Schweizer?

Die CVP Bern lässt eine junge Schweizerin mit kosovarischen Wurzeln für den Nationalrat kandidieren. Kaum wurde der Artikel im Web aufgeschaltet, hagelte es Onlinekommentare. In guter Stammtischmanier wurde verlangt, dass nur „echte Schweizer“ für den Nationalrat kandidieren sollen.

Wenn eine 28-jährige Frau mit ausländischen Wurzeln aber mit Schweizer Pass sich so für Politik interessiert, dass sie bereit ist, politisch aktiv zu werden, sollten wir doch jubeln. Sie vertritt die drei Millionen Schweizer mit ausländischen Wurzeln, die eigentlich die Hälfte der Wahlberechtigten ausmachen, aber im Nationalrat kaum vertreten sind.

Von diesem Menschen, ihren Wurzeln und ihrer Erfahrung kann die Schweiz doch profitieren. Unser Land ist in den verschiedensten Bereichen stark vernetzt, und wir sind mobil. In einer Stunde sind wir in Prag, in zwei in Madrid und in einem halben Tag fliegen wir nach Indien. Wir brauchen Menschen, die uns ihr Wissen über Sprache, Land und Leute bringen. Je mehr sich unsere Exportindustrie in ausländischen Märkten vernetzt, desto wichtiger werden Menschen, die sich als Katalysator dieses Netzwerkes auskennen. Wie können wir beispielsweise mit China einen effizienten Freihandel betreiben, wenn wir uns der fremden Kultur in diesem Land verweigern? Profitieren wir doch von jenen Menschen, die uns und unserem Land Neues bringen und lernen können.

Was kann denn so falsch daran sein, eine motivierte junge und gescheite Schweizerin mit kosovarischen Wurzeln in den Nationalrat zu wählen? Selbst die SVP greift immer gerne auf Menschen mit ausländischen Wurzeln zurück und motiviert diese, sich für unser demokratisches System einzusetzen. Mit Nationalrätin Yvette Estermann (geb. Iveta Gavlasová) hat sie eine Politikerin gefördert, bei deren Sprache ihre slowakischen Wurzeln deutlich wahrzunehmen sind. Dass diese Frau nun sogar als Ständerätin in ihrem Kanton kandidiert, zeigt doch, wie integriert Menschen mit ausländischen Wurzeln sein können.

Kann sich die CVP als Partei aller Menschen in unserem Land etablieren? Kann sie erstarken, weil sie nicht mit dem Finger auf Secondos zeigt und die Meinung vertritt, dass diese nicht in der Lage sind, unser Land zu vertreten? Ich wünsche es mir. Schauen wir doch alle mal unsere Stammbäume an. Meine Kinder heissen Schneider und haben neben gutschweizerischem auch italienisches, spanisches und französisches Blut. Niemand käme auf die Idee, ihren Status als Schweizer in Frage zu stellen. Mit einer immer radikaleren Ausländerpolitik ohne Ziele und Lösungen manövrieren wir uns nur in eine Sackgasse. Packen wir die Risiken der Zuwanderung ohne parteipolitische Scheuklappen an und bauen wir deren Chancen aus. Wenn wir beginnen, die Schweizer in zwei Gruppen aufzuteilen, in echte und in unechte Schweizer, begeben wir uns auf ein gefährliches Parkett. Wer definiert letztlich den „richtigen“ Schweizer?

In diesem Sinne freue ich mich auf die Kandidatur der jungen Schweizerin mit kosovarischen Wurzeln, Keshtjella Pepshi, und wünsche ihr viel Erfolg am 18. Oktober 2015.