02.08.2019 / Baselbiet / /

1. August im Baselbieter Titterten

Habe über Wurzeln, Gemeinschaft und Solidarität gesprochen. Die Werte, welche die Schweiz zusammenhalten.

Ich bin stolz, hier zu sein. Denn ich bin stolz, Schweizerin zu sein. Ich bin auch stolz, Baselbieterin zu sein. Und ich bin besonders stolz, auch ein bisschen von hier zu sein.

So möchte ich heute Abend mit Ihnen nicht über Wahlen oder Politik reden. Sondern über die Schweiz. Und übers Baselbiet. Und über Titterten.

Aber alles der Reihe nach.

Mein Urgrossonkel mütterlicherseits ist im letzten Jahrhundert zu Fuss von meiner Heimat Biel-Benken nach Titterten ausgewandert – das sind etwa 30 Kilometer- rund 7 Std. Fussmarsch. Jakob Stöcklin war hier als Lehrer tätig und heiratete eine Titterterin Flora Frey aus dem damaligen Wirtshaus Kreuz (heute Sodhuus). Diese Verbindung hat es den Geschwistern dieses Paares so angetan, dass diese es ihnen gleich taten. So heiratete mein Biel-Benkemer Urgrossvater Paul Stöcklin die Frieda Frey aus Titterten und der Titterter -Wilhelm Frey die Marie Stöcklin aus Biel-Benken. Kompliziert? Nein, ganz einfach. 3 Biel-Benkemer Geschwister heirateten 3 Titterter Geschwister. Und eines dieser 3 Paare sind meine Urgrosseltern mütterlicherseits, welche in Biel-Benken lebten und wo meine Grossmutter aufgewachsen ist. Ich bin also in Titterten verwurzelt. Diese Verbundenheit ist meiner Familie bis heute erhalten geblieben. Meine Grossmutter heiratete in der Kirche in Titterten. Das Hochzeitsfoto hängt noch immer in meinem Wohnzimmer.

Und weil Titterten auch meiner Mutter etwas bedeutet, ist sie heute hier und feiert mit uns und freut sich auf das eine oder andere Gespräch mit unseren Verwandten hier.

Titterten hat etwas, was viele nicht oder nicht mehr haben. Titterten hat eine intakte Gemeinschaft.

  • Das beweisen Sie alle, die Sie heute hier sind.
  • Das beweist Ihr Vereinsleben mit Frauenriege und Frauenverein, Dorfladengenossenschaft, Fünflibergesellschaft, Jagdgesellschaft, Männerriege, Feuerwehr, Maschinengenossenschaft, Natur- und Vogelschutzverein, Schützengesellschaft, Senioren- und Sportverein.
  • Titterten hat Kinder. Für diese haben Sie den Spielplatz, die Zwärgestube, den Kindergarten, die erste und zweite Schulklasse, den Mittagstisch und den Ferienpass X-Land.
  • Titterten hat eine Gemeindeverwaltung, eine Mehrzweckhalle, einen Gemeindesaal und jeden Monat die «Schnitz Poscht».
  • Titterten hat zahlreiche Veranstaltungen wie den Frauenzmorge, die Mannschaftsübungen, die Seniorenkaffis, den Bring- und Holtag, das Kürbisfest, den Mosttag, das Eierläset, den Banntag, «D’Schnitz fiire», das Maibaumschmücken.
  • Titterten hat Organisationen, die sich kümmern. Etwa die Spitex Regio Liestal, die Kirche, den Pfarrer, die Gottesdienste, den Friedhof.
  • Titterten hat viel Praktisches wie den Dorfladen, das Kafi, die Jagdaufsicht, die Tiefkühlanlage, die Mosterei, die Pilzkontrolle oder den Brennholzservice.
  • Und Titterten hat alle ungeraden Jahre eine 1.-August-Feier.

Das alles, liebe Gäste, ist für eine Gemeinde mit etwas mehr als 400 Einwohnerinnen und Einwohnern ganz schön viel. Und schön viel mehr als in manchen anderen Gemeinden. Denn vielen ist die Gemeinschaft nicht mehr wichtig. Ihnen schon. Dazu kann ich Ihnen nur gratulieren. Sie dürfen stolz sein, in Titterten zu leben.

Ich selber bin ein Gemeinschaftsmensch durch und durch, ein Familienmensch. Ich stamme aus einer Bauernfamilie mit fünf Kindern. Auf dem Bauernhof ist die Familie das Wichtigste überhaupt. Hier gehen Leben und Arbeiten Hand in Hand. Jede und jeder arbeitet mit, leidet manchmal auch ein wenig mit, freut sich mit, lacht mit, lebt mit. Sonst würde das Zusammensein nicht funktionieren. Sonst gäbe es weder den Hof noch die Familie.

Das gilt genauso für jede andere Ebene und Form des Zusammenlebens. Die Gemeinschaft zählt. Denn ohne Gemeinschaft keine Partnerschaft, keine Familie, kein Dorf, kein Kanton, kein Baselbiet, keine Schweiz. Nur wo sich Menschen zusammenschliessen und sich gemeinsam engagieren, entsteht etwas. Das kann überall geschehen: in den eigenen vier Wänden, in den Vereinen, in der Nachbarschaftshilfe, in der Pflege, als Freiwilligenarbeit für die Allgemeinheit oder in der Politik.

Apropos Politik, obwohl ich ja heute nicht über Politik reden möchte. Sie, liebe Anwesende aus Titterten, haben immer wieder talentierte Landräte und Nationalräte für die Anliegen Ihrer Gemeinde und Ihres Kantons abgeordnet, etwa den ehemaligen Landratspräsidenten Hannes Schweizer oder meine ehemaliger Kollege im Nationalrat Christian Miesch.

Die Schweiz als Erfolgsmodell mit ihren kulturellen und regionalen Eigenheiten und einem weltweit hohen Ansehen als selbstbestimmtes Land baut auf genau dieses Engagement der Gemeinschaft. Sie baut auf jede und jeden von uns, der sich in irgendeiner Weise stark macht und dabei mehr als nur sein Ego im Auge behält.

Es ist nicht Geld oder Ruhm oder Privilegien, die engagierte Menschen antreiben. Denn weder mit Geld noch mit Ruhm oder Privilegien kann man sich erkaufen, was eigentlich unbezahlbar ist: Leidenschaft, Herzblut, Passion, Begeisterung, Stolz – nennen Sie es, wie Sie wollen.

Kennen Sie das Zündhölzli-Lied von Mani Matter?

«I han es Zündhölzli azündt │ Und das het e Flamme gäh │Und i ha für d’Zigarette welle Füür vom Hölzli näh │Aber ds Hölzli isch dervogspickt und uf e Teppich cho │Und es hätt no fasch es Loch i Teppich gäh dervo.»

Ab der zweiten Strophe singt Mani Matter darüber, was alles passiert wäre, wenn er das Zündhölzli nicht vom Teppich aufgehoben hätte.

Ein kleines Fünklein kann ein loderndes Feuer entfachen. Genauso beginnt im Kleinen, was im Grossen Wirkung zeigt. Die grössten Erfolge erzielen wir, wenn wir die Dinge von Beginn an und Schritt für Schritt verändern – angefangen bei uns selbst, in der Familie, im Dorf, in der Gemeinde, im Verein, in der Region, im Kanton.

Wenn wir diese Kräfte aus allen Ecken und Enden bündeln, entwickeln wir eine überraschende Tatkraft für das Gesamte.

Zum Beispiel fürs Baselbiet als attraktiver Wirtschaftsstandort. Oder für die Schweizer Gesellschaft als gesunde Volkswirtschaft. Oder für unser Land als neutraler Vertrauens- und Verhandlungspartner in Konflikten von internationalem Ausmass.

«Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.» Das hat Jeremias Gotthelf gesagt, ein Emmentaler Pfarrer und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Einige von Ihnen kennen bestimmt seine verfilmten Romane «Ueli der Knecht» oder «Ueli der Pächter».

Gotthelf sah die Einzigartigkeit unserer Gesellschaft in ihrem Fleiss, ihrer Bodenständigkeit und ihrer Heimatliebe. Ich meine, Jeremias Gotthelf ist topaktuell.

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind mehr als fleissig. Nicht umsonst steht die Schweiz auf der Weltrangliste der Länder nach Bruttoinlandprodukt pro Kopf an zweiter Stelle. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind realitätsbewusst und bodenständig.

Sonst wären Eigenschaften wie «made in Switzerland» oder «Swiss Quality» wohl kaum globale Verkaufsargumente für hiesige Güter und Dienstleistungen. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind erd- und heimatverbunden. Sonst würden in drei Wochen wohl kaum Zehntausende ans Eidgenössische Schwing- und Älplerfest nach Zug pilgern. Oder Hunderttausende zur «Fête des Vignerons» nach Vevey.

Und sonst würden wir auch nicht vier Landessprachen und hunderte von Dialekten aufrechterhalten.

Fleiss, Bodenständigkeit, Heimatliebe – sie alle bergen den Funken, der das Feuer für eine Sache entfachen kann. Ganz gleich ob für die Familiensache, Gemeindesache, Vereinssache, Kantonssache oder Landessache. Wer wohl zu Hause ist, kann ruhig ausziehen, weil er gerne zurückkommt – da, wo er herkommt, da, wo seine Stärken herkommen. Diese Liebe zur eigenen Scholle gibt uns die Energie und Offenheit, uns zu engagieren und über den Tellerrand hinauszuschauen.

Die vereinte Kraft der Gemeinschaft reicht weit über das Geschlecht, Parteibüchlein, Alter oder die Konfession hinaus. Sie macht uns aus – als Schweizerinnen und Schweizer, als Unterbaselbieterin und Oberbaselbieter, als Titterterinnen und Titterter. Darauf dürfen wir stolz sein.

In diesem Sinn, liebe Anwesende, wünsche ich uns ein loderndes 1.-August-Feuer. Und freue mich, heute mit Ihnen auf unsere Heimat anzustossen.