30.05.2019 / Allgemein / /

Wir können mehr als streiken. Wir können das Leben.

„Lohn. Zeit. Respekt!“ So das Motto des Frauenstreiktags 2019 für die Gleichstellung von Frauen in der Arbeitswelt. An dieser Initiative stört mich dreierlei: das Ausrufezeichen, der Gleichheitsanspruch und der Fokus auf die Arbeitswelt.

In bewährt gewerkschaftlicher Manier wird die Forderung zur Befehlsform, mit dem Gang auf die Strasse zum Klassenkampf. Wir sehen Protestzüge durch Grossstädte, Versalien auf Banderolen, erhobene Fäuste und noch mehr Imperative. Liebe Frauen, haben wir das nötig? Ich persönlich will nicht, dass wir als gellende Bande wahrgenommen werden, die nur mit plakativer Lautstärke, populistischen Parolen und medialer Multiplikation von sich reden macht. Wir sind doch selbstbewusst, gescheit und kreativ genug, um unseren Sichtweisen und Argumenten Gehör zu verschaffen. Wir geben Tag für Tag unser Bestes, legen in allen Bereichen tatkräftig Hand an, die einen im Kleinen, die anderen im Grossen. Gerade dieses Leise, Überlegte und Beharrliche charakterisiert uns Frauen. Wer, wenn nicht wir, kann die Brücke zum Anderen schlagen, auch zu anderen Geschlechtern. Dazu brauchen wir kein maskulines Gehabe.

Gleichstellung, Chancengleichheit, Gleichberechtigung – es gibt viele Begriffe, die das umschreiben, was Frauen anstreben: das Gleiche wie der Mann. Nur: Möchten wir das wirklich? Möchten wir nicht vielmehr unser eigenes? Wir Frauen verlangen Akzeptanz dessen, was wir tun; von anderen Frauen genauso wie von Männern. Das erreichen wir nicht, indem wir die Gegenseite an die Wand stellen und mit dem Finger auf sie zeigen. Sondern indem wir zeigen, was wir können. Wir sollten also vielmehr dafür einstehen, was uns unentbehrlich werden lässt. Natürlich herrschen Lohn- und Chancenungleichheit. Und natürlich finde ich das ebenfalls untragbar. Aber in einer männerdominierten Welt gelten von Männern geschriebene Regeln. Wenn wir Frauen nach diesen spielen, haben wir schlechte Karten. Also gilt es, diese Regeln um unsere eigenen zu erweitern. Denn nur so können beide gewinnen. Uns Frauen zeichnet Neugierde, Durchsetzungskraft, Flexibilität und Optimismus aus. Diese Eigenschaften machen uns einzigartig, nicht gleichgestellt.

Die Arbeitswelt ist voller Diskriminierung. Die Löhne für Männer und Frauen sind bei gleicher Funktion oft empörend abweichend. Die Frauenquoten in Führungsgremien sind vernichtend gering. Betreuung, Angehörigenpflege, Freiwilligenarbeit, Mutterschaft und vieles mehr werden unzureichend abgegolten. Sexismus am Arbeitsplatz ist trauriger, aber wahrer Alltag. Das ist inakzeptabel. Und trotzdem sollte uns Frauen nicht nur unser Ansehen in der Arbeits-, also der Männerwelt wichtig sein. Denn unsere Stärke liegt gerade in unserer Fähigkeit, uns weit über die Arbeit hinaus zu engagieren. Wir sind sozialkompetent, vielseitig interessiert, offen und wandelbar. Wir können mehr als funktionieren. Wir können das Leben. Das macht uns Frauen zu einem unverzichtbaren (und grösseren) Teil der Gesellschaft – weit über die Arbeitswelt hinaus.

Liebe Frauen, liebe Männer: Ich wünsche uns allen, dass es keinen Frauenstreiktag braucht, um den Alltag als Partner auf Augenhöhe zu bestreiten. Ich wünsche uns den Mut, das (Arbeits-)Leben und unsere Zukunft mit vereinten Kräften zu gestalten. Ohne Imperativ.

Siehe auch Telebasel vom 16. Mai 2019