02.08.2012 / Allgemein, Demokratie, Föderalismus Gemeindefusionen, Gesellschaft, Nordwestschweiz / /

Rede zum 1. August in Oberwil BL

Eine 1. August-Rede zu halten ist immer etwas ganz Besonderes. Und wenn man dies in der Nachbargemeinde tun darf, dann ist das noch etwas spezieller. Daher habe ich mich auch sehr gefreut Ihnen, geschätzte Oberwilerinnen und Oberwiler und liebe Festbesucherinnen und Festbesucher heute ein paar Gedanken zu unserem Nationalfeiertag mit auf den Weg zu geben und heisse Sie damit auch in meinem Namen ganz herzlich willkommen zu dieser Feier zum 721. Geburtstag der Schweiz.

 Ja, und auch unser Kanton, das Baselbiet, hat ja bald Geburtstag. Je nach Interpretation der Geschichte darf man durchaus den 3. August als den Geburtstag des Kantons Basel-Landschaft betrachten. Mindestens stellt der 3. August 1833 wohl einer der wichtigsten Momente auf dem Wege der Trennung von Basel dar und führte unser „Ländli“ vor bald 180 Jahren in die politische Unabhängigkeit von der Stadt.

Unser schönes Ländli, das sich über Berg und Tal von Schönenbuch bis Amel resp. vom Bölche bis zum Rhy erstreckt. Aber keine Angst, liebe Anwesende, ich schlage Ihnen nun nicht vor, gemeinsam das Baselbieterlied zu singen – und ich werde nun auch kein Plädoyer für eine Kantonsfusion halten. Aber ich nehme das Baselbieterlied gerne als Aufhänger für meine folgenden Gedanken zum 1. August und zur Schweiz. Denn in diesem Lied wie auch in unserem Kanton steckt eben sehr viel Schweiz und steckt sehr viel Schweizerisches, auf das wir stolz sein dürfen.

Der Beginn des Baselbieter Liedes, mit welchem auf so elegante Weise der Bogen vom Jura an den Rhein und vom westlichen Zipfel des Kantons bis zu dessen östlicher Grenze gezogen wird und der somit auf die Vielseitigkeit unseres Kantons anspielt, ja das ganze Baselbieter Lied ist für mich denn auch weit mehr als eine nostalgisches Loblied auf einen letztlich relativ kleinen Flecken Erde. Denn es führt mir die landschaftliche, die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Vielseitigkeit unseres Kantons, ja auch der Schweiz immer wieder eindrücklich vor Augen.

 Und deshalb höre ich es gern, das Baselbieter Lied.

 „Vo Schönebuech bis Ammel, vom Bölche bis zum Rhy

Lyt frei und schön das Ländli, wo mir deheime sy.“

Die beiden ersten Zeilen der ersten Strophe lassen mich über die Themen Freiheit, Schönheit und Heimat nachdenken.

Zur Freiheit kommt uns Baselbietern wohl schnell einmal die Kantonstrennung im Jahr 1833 in den Sinn. Die Trennung, welche es der damaligen Bevölkerung möglich gemacht hat, ihre Vorstellungen und Ziele frei und unabhängig zu leben, die Aufgaben unbelastet und gleichberechtigt wahrzunehmen. Ich wünsche mir, dass wir von dieser Freiheit auch im Alltag fleissig Gebrauch machen und uns privat und im Beruf frei fühlen und die Courage haben, über Grenzen hinweg zu entscheiden und zu handeln.

 Zur Schönheit: Sei sie landschaftlicher, kultureller oder historischer Art. Unser Land ist reich befrachtet mit Schönheit und Vielfalt. Ich wünsche mir, dass wir bei unseren Entscheiden und unseren Handlungen das Wohlergehen und den Erhalt dieser landschaftlichen Schönheiten und kulturellen Vielseitigkeit vor Augen behalten.

 Zur Heimat: Ich bin gerne im Baselbiet daheim. Ich freue mich, dass ich als Mitglied des Nationalrates die Bevölkerung unseres Kantons in Bern vertreten darf. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass wir in Bern gehört werden, so dass wir uns hier alle wohl und daheim fühlen können.

 Weiter geht die erste Strophe mit

 „Das Ländli isch so fründlig, wenn alles grüent und blüeht… „

Freundlich mit uns und mit den anderen können wir alle nur sein, wenn es in unserem Land blüht. Ich denke da z.B. vor allem an eine blühende Wirtschaft. Ebenso wichtig ist es aber auch dass es grünt, d.h. dass die ökologische und soziale Verantwortung wahrgenommen wird. Mit diesem Hintergrund bleibt eine blühende und grünende Wirtschaft, weiterhin Garant für eine freundliche Schweiz.

„Es wächsle Bärg und Tääli, so lieblig mitenand

Und über alles uuse, luegt mängi Felsewand.

Dört obe weide d’Härde, dört unde wachst der Wy“

So klein das Baselbiet und die Schweiz auch sind, so gross sind die Gegensätze: Von den grossen bevölkerungs- und infrastrukturstarken bis hin zu den kleineren und kleinsten Dörfern. Gegensätze finden wir aber auch zwischen alt und jung, arm und reich, links und rechts, Schweizern und ausländischen Staatsangehörigen und vielen anderen Bereichen auch. All diese Gegensätze sollten wir versuchen, als Chance zu sehen und versuchen, sie wenn nötig zu mindern und allenfalls zu überwinden.

 „Die Baselbieter Lütli si gar e flyss’ge Schlag,

si schaffe und sie wärche, sovill e jede mag.“

Es ist ganz wichtig, dass die Leistungsbereitschaft angereizt und belohnt wird, im Einzelnen wie auch im grossen Ganzen. Es soll uns aber ebenso ein Anliegen sein, dass die Grenzen der Leistungsfähigkeit anerkannt werden und Schwächeren eine Chance gegeben wird, dass auch sie ein Leben in Eigenverantwortung und Anerkennung führen können.

Weiter geht die 3. Strophe mit:

 „Die einte mache Bändel, die andere schaffe s’Fäld.“

Nicht nur das Baselbiet, nein die ganze Schweiz hat eine lange Tradition, in welchem Landwirtschaft, Industrie und High-Tech nebeneinander bestehen und sich entwickeln. Zum Beispiel in unserem Kanton war dies zu Zeiten der Posamenter nicht anders als später in der Feinmechanik und heute z.B. bei den Life Sciences. Dass wir in jedem dieser Sektoren Chancen erkennen und diese nutzen, soll uns ein stetes Anliegen sein.

 Die 4. Strophe lautet schliesslich:

 „Me seit vom Baselbieter und red’t ihm öppe noo,

er säg nu:“Mir wie luege“, er chönn nit säge: „Jo“.

Doch tuesch ihn öppe frooge: „ wit du fürs Recht ystoh?“

Do heisst’s nit, dass me luege well, do sage alli: „Jo“…”

 „Jo“, das wünsche ich mir, dass wir alle für das Recht einstehen, dabei aber den gesunden Menschenverstand und die Menschlichkeit nicht ausblenden.

Ich hoffe, dass auch Sie im Baselbieterlied einen Spiegel unseres vielseitigen Kantons und einer vielseitigen Schweiz und deren vielseitigen Bewohnerinnen und Bewohner sehen können.

Für mich auf jeden Fall ist das Baselbieterlied also weit mehr als die blosse Rückbesinnung oder die konservative Verherrlichung auf die Tradition, vielmehr ist das Baselbieterlied für mich die Vertonung unserer Wurzeln.

Und ich bin überzeugt, dass es gerade in der heutigen Zeit wichtig ist, Wurzeln zu haben und dass es ebenso wichtig ist, sich auf diese Wurzeln zu besinnen und sich zu diesen Wurzeln zu bekennen. Denn ohne Wurzeln gibt es keine Standfestigkeit. Und Standfestigkeit ist gerade in unseren heutigen, stürmischen Zeiten in jeder Hinsicht wichtig. Nur ein Baum mit intakten und kräftigen Wurzeln kann wirklich wachsen, stark werden und Stürmen trotzen. Nur ein gesunder Baum gibt Kraft, gibt Schutz und bereitet mit seinem dichten, kräftigen Laub auch Freude.

Gute Wurzeln sind nicht nur wichtig, um zu bestehen und Stand zu halten, sie sind vor allem auch wichtig für ein gesundes und nachhaltiges Wachstum. Nur gute Wurzeln ermöglichen es, dass der Baum wächst und so ganz neue Dimensionen erreichen kann. Wurzeln sind also keineswegs Sinnbild für Stagnation oder gar Rückschritt. Und dieser Vergleich hat für mich auch in der Politik seine Richtigkeit: Ich bin überzeugt, dass eine reformfreudige und offene Politik, die es uns erlaubt, in neue Dimensionen vorzustossen und Grenzen zu überwinden ohne starke und tiefe Wurzeln nicht möglich ist. Umgekehrt müssen wir aber auch unsere starken Wurzeln nutzen und auf ihre Kraft vertrauen, um in neue Dimensionen vorzustossen und Grenzen zu überwinden. Über den Umgang mit Grenzen, d.h. über deren Schaffung, Veränderung oder gar Abschaffung lässt sich meines Erachtens viel über eine Gesellschaft und ihre Zeit in Erfahrung bringen. Und für die Schweiz wie auch für uns Schweizerinnen und Schweizer waren Grenzen immer wichtig und der Umgang mit Grenzen war immer etwas spezielles. Und das fing wohl schon mit der Gründung der Eidgenossenschaft an.

Führen wir uns doch vor Augen, dass die Eidgenossenschaft bei deren Gründung durch den Rütlischwur im Jahr 1291 aus drei Ständen und somit also aus einem eng definierten Kreis bestand. Damit die Betroffenen damals zu ihren Rechten und Freiheiten gekommen sind, war es nötig, dass sie sich abgrenzten – abgrenzten von fremden Vögten aber auch von anderen, die vielleicht noch nicht bereit waren, diesen mutigen Weg der Selbstständigkeit zu gehen. Dass jedoch mit der Abgrenzung nicht Ausgrenzung gemeint war, wurde sehr schnell klar. Der ursprüngliche Bund erweiterte sich relativ schnell und nur rund dreihundert Jahre später war der Bund schon fast in der heutigen Ausgestaltung geschaffen. Wohl sind die Aussengrenzen der Eidgenossenschaft auch in den folgenden Jahren noch gewachsen und ausgeweitet worden, gleichzeitig verflachten und wurden vor allem aber innere Grenzen überwunden. Es war zu beobachten, wie dann vor allem innerhalb des Bundesstaates eine einheitliche Währung geschaffen wurde oder wie einheitliche Masse verfügt wurden. So wurden innerhalb des Bundes dann auch einheitliche Gesetze geschaffen – aber natürlich immer unter der Berücksichtigung der kulturellen Vielfalt in den Ständen.

Ob man nun Befürworter oder Gegner eines immer enger zusammenwachsenden Europas ist, ist es eine Tatsache, dass die Eidgenossenschaft die Entwicklung, welche in Europa seit rund 20 Jahren seinen Gang nimmt, seit mehreren Jahrhunderten bereits zurückgelegt hat.

So werden die Grenzen zwischen den einzelnen Gemeinden und zwischen den Kantonen abgesehen von politischen Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten heute fast nicht mehr wahrgenommen. Wahrgenommen wird vielmehr die Zugehörigkeit zu einer Region, wie dem Leimental, der Regio Basiliensis oder gar der Nordwestschweiz. Doch auch Regionen haben irgendwo ihre Grenzen. Und Grenzen setzen und sich abzugrenzen ist auch in der heutigen Zeit wichtig. Grenzen können folglich nur dann verändert werden, wenn das aus freiem Willen der Betroffenen erfolgt. Aus diesem Grund ist gut beraten wer sich laufend über die eigenen Grenzen Gedanken macht und diese erkennt. Die eigenen Grenzen, welche sich nicht nur auf die territorialen Grenzen beschränken, sondern beispielsweise auch auf ethnische oder gesellschaftliche.

Die eigenen Grenzen zu kennen, heisst für mich letztlich aber auch nichts anderes als auch seine Wurzeln und Werte zu kennen, zu ihnen zu stehen und sie – wenn nötig neu zu definieren. Grenzen dürfen also durchaus auch durchlässig sein, damit sie nicht zu Abschottung führen.

Und damit wäre der Kreis zu den Wurzeln wieder geschlossen und ich wünsche Ihnen, liebe Oberwilerinnen und Oberwiler, und uns Allen, dass wir mit unseren Grenzen so umgehen, wie das die Eidgenossen immer getan haben. Mit einer Offenheit und Selbstverständlichkeit, sich in einer multikulturellen Gesellschaft zu bewegen, welche seit Jahrhunderten gewachsen ist und dadurch ein beständiges Erfolgsmodell geworden ist, welches das Vertrauen gibt, auch die künftigen Aufgaben meistern zu können.

Jetzt wünsche ich Ihnen noch weiterhin eine schöne Feier und ein schönes Fest!

Elisabeth Schneider-Schneiter

Nationalrätin