12.09.2011 / Allgemein / /

Im Netz der Spinne

Als Politiker, der im Herbst wieder kandidiert, erhält man in diesen Wochen mehr Umfragen als je zuvor. Jeder Verband, jede Lobby- oder Interessengruppe, und jeder Politologe, der sich Aufträge sichern muss, schickt einem ungefragt einen Fragebogen. Natürlich kostet das Beantworten immer nur 10 Minuten, angeblich. Natürlich wird einem versprochen, die Umfragen würden hunderttausende von Klicks anziehen. Natürlich wird einem – mehr oder weniger subtil – angedeutet, dass ein Abseitsstehen fatale Folgen hätte: Nichtbeachtung, Nichtwahl, oder eher selten plump bei einer Umfrage des Schweizer Fernsehens: „Wir behalten uns vor, in unseren Berichten Ihre Verweigerung zu kommentieren“. Service public als mittelalterliche Pranger Veranstaltung.

Wenn man sich die Fragen ansieht, dann sind sie meistens so, dass einem als Politiker, der die Sache, nämlich die Politik, ernst nimmt, die Antworten nicht immer so leicht fallen. Ist man für oder gegen Steuersenkungen? Ist man für oder gegen den Asylmissbrauch? Ist man für oder gegen Atomstrom? Die ersten beiden Fragen sind vermutlich leicht. „Natürlich dafür.“ „Natürlich dagegen.“ Die dritte Frage ist komplex und provoziert die Allerweltsantwort:  „Es kommt drauf an“. Kurzfristig? Mittelfristig? Langfristig? Zu welchem Preis? Welche Folgen haben die Alternativen für den CO2 Ausstoss? Hier hätte man doch noch ein paar Differenzierungen erwartet, bevor man einfach Ja oder Nein klicken kann.

Aber die Umfragen kennen keine Gnade. Sie wollen dass man klar und schnell und jetzt antwortet. Nur so kann man dann eingeordnet, vermessen, in ein einfaches Koordinatensystem eingefügt werden, nur dann entsteht ein Ranking, eine Grafik. Politologen nennen letztere „Spider“. Die Beine der Spinne markieren die politische Verortung. Bei linken und rechten Politikern sind sie ausgeprägt erkennbar. Dumm nur, dass sie sich damit nicht fortbewegen könnte, weil nur einseitig gehfähig. Bei Mitte-Politikern gibt’s eine Spinne ohne Beine, eigentlich eher eine Wanze.

Diese Spinnen werden dann von Politologen, den neuen Gurus am politischen Analysehimmel, dem staunenden Publikum vorgeführt. Da man Medienschaffenden offenbar nicht mehr traut, wenn sie das politische Geschehen einordnen und kommentieren, zieht man Politologen heran. Denn diese können Ratings machen, die „politische Profile“ auf einem Diagramm so zeichnen, dass sie auch funktionellen Analphabeten einleuchten, die müssen‘s ja wissen. Sieht ja irgendwie wissenschaftlich aus, man hat‘s auch in der Schule seinerzeit nie richtig geschnallt.

Als Politiker muss man sich offenbar daran gewöhnen, vermessen zu werden, nur einseitige Antworten parat zu haben – auf alles! – und nie auch nur erwägen, dass bei einem Thema noch etwas nachgedacht werden sollte, und, schlimmster Fehler: ein Kompromiss, eine mehrheitsfähige Lösung herauskommen müsste. Das wäre fatal, denn dann würde man abweichen von den klaren Antworten, die die Spinne will. Gefangen in diesem Netz, hört dann bald das eigene Denken auf.

Albert Camus meinte einmal, er würde einer Partei beitreten, wo die Mitglieder nicht sicher sind, ob sie Recht haben. Die Spinne würde verhungern. Eine solche Partei würde aber auch nicht gewählt. Es fragt sich, was das grössere Übel wäre.

(von Gerhard Pfister aber von mir genauso erlebt….)