08.07.2015 / Allgemein / /

Ein Deutscher hat mehr davon, wenn er zu Hause bleibt

Nun decken uns die Schweizer Medien seit Jahren mit Berichten darüber ein, wie viele Ausländerinnen und Ausländer in die Schweiz einwandern und wie schlecht die Schweiz diese Einwanderung verkraftet. Besonders auffallend sei die Einwanderung von Deutschen, welche den Schweizer Arbeitsmarkt offenbar besonders attraktiv finden. Und just nachdem ich wieder mal so einen Bericht gelesen habe, macht mich ein interessierter EU-Bürger auf eine neue Berechnung des Bundesamts für Statistik aufmerksam. Die Deutschen kommen nämlich nicht mehr in die Schweiz. Im letzten Jahr sind netto gerade noch 6‘800 Deutsche in unser Land übergesiedelt (2008:29‘000 Personen). Bald wird eine Netto-Auswanderung erwartet. Eine durchaus interessante Entwicklung, wenn wir bedenken, wie schwierig die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist. Wenn die Ausländer von selber wieder abwandern, dann können wir uns diese Verhandlungen mit der EU über die Weiterführung der Bilateralen sparen.

Aber warum wandern die Deutschen eigentlich nicht mehr in die Schweiz ein? Ja, die Euphorie ist weg. Die meisten Deutschen wissen nun, dass die Lebenskosten in der Schweiz sehr hoch sind und damit die höheren Löhne mehr als wegfressen. Ausserdem sind in Deutschland genügend Arbeitsplätze vorhanden, die Löhne steigen und die Lebensverhältnisse sind nicht wirklich schlechter als in der Schweiz. Dazu kommt noch das Gefühl, in der Schweiz nicht wirklich erwünscht zu sein.

Wenn wir die Statistik genau analysieren, dann wandern nicht nur Deutsche nicht mehr ein oder ab, sondern Staatsangehörige aus den meisten Ländern, welchen es gut geht. Aber es kommt noch schlimmer, es wandern auch keine Leute mehr ein aus Ländern, welchen es schlechter geht als der Schweiz, wenn diese im eigenen Land gefragt sind.

Wenn diese Ziffern des Bundesamts für Statistik stimmen, und ich zweifle nicht daran, dann ist die Einwanderung am Kippen. Während die Schweiz darüber nachdenkt, wie sie die EU so weit bekommt, dass Kontingente eingeführt werden können, löst sich das vermeintliche Problem der Zuwanderung durch die Personenfreizügigkeit vielleicht von selbst.

Auf diese Zeilen hin werde ich wieder unzählige Nachrichten erhalten, welche auf die noch immer zunehmende Einwanderung hinweisen. Dass erstmals mehr als 2 Millionen Ausländer in der Schweiz wohnen, ist bei den Lesern angekommen. Verschwiegen wird, dass die Deutschen nicht mehr kommen. Alleine die Tatsache, dass die Deutschen wegbleiben, macht mir keine Sorgen, vielmehr aber der Grund dazu. Wir sind für qualifizierte Arbeitnehmende längst nicht mehr attraktiv und werden das bald auch für Schweizer nicht mehr sein. Kleine Gehälter, teure Wohnungen, hohe Krankenkassenprämien, lange Arbeitszeiten, wenig Ferien. Ein Deutscher hat mehr vom Leben, wenn er zu Hause bleibt.

Veröffentlicht in der Basellandschaftlichen Zeitung vom 8. Juli 2015