19.07.2011 / Allgemein, Kultur, Wahlen Herbst 2011 / /

Der Mann mit den Bäumen

(Buchtipp:  Jean Giono, Der Mann mit den Bäumen)

Der Hirte Elzéard Bouffier setzt Eicheln in die provenzalische Erde – Hunderte, ja Tausende, aus denen Eichen wachsen. Später kommen Birken, Buchen dazu. Zuerst bescheidene Setzlinge, dann biegsame Jungpflanzen, die noch vor Nagetieren und Schafen geschützt werden müssen. Sie  wachsen über die Jahre zu stämmigen Bäumen, denen nur noch heftige Stürme etwas anhaben können. Aus einzelnen Bäumen werden Wälder. Diese Wälder bringen die Feuchtigkeit zurück an einen Ort, der zuvor Einöde und Wüste war. Bald fliesst wieder Wasser durch Bachbetten, die seit Menschengedenken nur trocken waren. Weiden, Wiesen und Gärten erblühen,; verlassene Dörfer werden wieder belebt. Elzéard Bouffier hat eine grossartige Kettenreaktion in Gang gesetzt.

 Er hat dies getan ohne sich um die die Menschheit bewegenden Fragen nach Eigentum, Besitz oder Gewinn zu kümmern. Zeit, Ansehen oder Anerkennung haben für ihn keine Rolle gespielt.  Elzéard Bouffier weiss nicht einmal, wem das Land gehört, auf dem er seine Bäume pflanzt, und es kümmert ihn auch nicht. Ebenso wenig kümmert es ihn – ganz am Anfang seiner Pflanzerei – wie diese Eichen in 30 Jahren aussehen werden. Neie lässt er sich ablenken.  Auf die Frage, wie die Eichen wohl in 30 Jahren aussehen, antwortet er schlicht, wenn Gott ihm das Leben gebe, dann werde er so viele Bäume gepflanzt haben, dass diese ersten 10’000 Eichen wie ein Tropfen im Meer sein werden… 

 Die Veränderungen, die Elzéard Bouffier angestossen hatte, gingen so langsam vor sich, dass man sich an sie gewöhnte, ohne erstaunt zu sein – schreibt Jean Giono. Als später Besucher der Gegend den Wald bestaunen, zu dem die ersten Eichen schon zusammengewachsen sind, sprechen sie von einem „natürlichen Wald“ – so harmonisch ist die Saat dieses Hirten aufgegangen, so selbstverständlich hat Elzéard Bouffier die Landschaft reformiert. Diese Harmonie, die aus der unerschütterlichen Beharrlichkeit, Genügsamkeit und Heiterkeit des Herzens dieses Hirten entfliesst, ist sein Erfolgsrezept.  Die Geschichte und Entwicklungen verlaufen nicht immer harmonisch und linear. In der Regel sind viel zu viele Kräfte gleichzeitig am Werk, als dass sich Veränderungen in Ruhe anbahnen und festsetzen können. Manchmal schlummert die Saat auch lange im Boden, bevor sie – einer Explosion gleich – plötzlich doch noch aus dem Boden schiesst.

Sind es nicht auch die gleichen Tugenden, die wir uns von denjenigen Leuten wünschen, welche in unserer Gesellschaft, in Staat und in der Wirtschaft Verantwortung tragen? Und wie oft lassen wir uns – gefangen in eigener Hektik, Ungeduld und Gier – blenden durch Oberflächlichkeit, Intoleranz und Schnelllebigkeit? Durch Vereinfachungen und der Sehnsucht nach schnellen Lösungen von Problemen, die wir wohl dringend lösen müssen, die aber nicht heute und nicht morgen nachhaltig gelöst werden können?.

 Geduld und Vertrauen und Selbstlosigkeit – das sind wichtige Eckpfeiler unserer Gesellschaft. In der Vergangenheit wie hoffentlich auch in der Zukunft. Und davon lehrt uns Jean Giono mit seiner Geschichte vom Mann mit den Bäumen. Elzéard Bouffier zeigt uns, was der Lohn für dieses Handeln ist – und dies mag gerade in unserer materialistischen Welt Ansporn sein, dem Beispiel von Elzéard Bouffier zu folgen: Wohl ist es kein Entgelt im herkömmlichen Sinn, nein – es ist der Weg zum Glück. Denn einer der Besucher, der zusammen mit dem Hirten die Gegend durchwandert, bemerkt am Ende des langen Marsches über Elzéard Bouffier: „Er weiss mehr als Alle. Er hat den berühmten Weg zum Glück gefunden.“