19.05.2015 / Allgemein, Aussenpolitik / /

Damit das Rinnsal nicht zum Fluss wird

Ein Thema scheint den Medien ganz besonders zu gefallen. Die Flüchtlingsdramen, welche sich zurzeit auf dem Mittelmeer abspielen, bei welchen immer wieder Menschen während der riskanten Überfahrt ertrinken. Wir sind berührt und entrüstet. Politiker werden aufgefordert, nun endlich zu handeln, um dieses Elend zu stoppen. Diese vielen Toten dürfen nicht länger hingenommen werden. Doch lassen wir uns nicht ein wenig zu stark von solch schrecklichen Bildern leiten und vergessen, dass neben dem Drama im Mittelmeer noch sehr viel mehr Leid geschieht?

Jede 10 Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung. In den Medien finden sich keine Bilder. Jede 5 Minuten stirbt ein Kind an Malaria. Über dieses Thema wird nicht berichtet. Leider sind es die einfach verständlichen Bilder und Darstellungen, welche uns Medienkonsumenten geboten werden. Flugzeugabstürze, Erdbeben, Ebola und eben die Mittelmehrflüchtlinge. Aber was ist mit dem Leid, welches nicht sichtbar gemacht wird? Sind wir bereit uns auch dort zu engagieren?

Jeder Schweizer und jede Schweizerin bezahlt heute Fr. 375.00 an Entwicklungshilfe pro Kopf. Immer wieder wird über die Verwendung dieser Mittel diskutiert, ob wir in die richtigen Länder, die richtigen Themen oder die richtigen Projekte investieren. Da ein grosser Teil dieses Geldes dafür eingesetzt wird, dass das nicht alltäglich sichtbare Elend bekämpft wird, macht die Diskussionen anspruchsvoll.

Noch anspruchsvoller scheinen mir aber die Diskussionen um die Kürzung der Entwicklungshilfe. Man ärgert sich über jene Asylsuchende in unserem Land, welche bei uns ein besseres Leben suchen. Gleichzeitig will man aber jene Mittel kürzen, welche helfen würden, diesen Menschen ein besseres Leben in ihrer Heimat zu ermöglichen. Eine ziemlich schräge Diskussion, welche im Moment auf dem politischen Parkett stattfindet.

Warum fordern nun nicht gerade die Asylkritiker, mit der EU zu kooperieren, um gemeinsam Lösungen für das Flüchtlingsdrama zu suchen? Stattdessen boykottiert man lieber alles, was nur im Entferntesten was mit EU zu tun hat. Wir wollen ja nicht fremd bestimmt sein. Keine fremden Richter, kein EU-Diktat und was immer in diesen Propaganda-Blättern zu lesen ist.

Um aber dem Flüchtlingsproblem in der Schweiz eben gerade Herr zu werden, brauchen wir eine effiziente Zusammenarbeit mit der EU. Wir brauchen aber auch eine effiziente Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern. Warum können wir die lybische Küstenwache nicht mit Schiffen ausrüsten, welche ihnen eine effiziente Arbeit ermöglichen? Könnte um einiges kostengünstiger ausfallen, als Hundertausende Asyl- und Rückschaffungsverfahren.

Was tun wir hier in der Schweiz eigentlich gegen Malaria? Dank Vasella wurde eine Stiftung gegründet, welche unentgeltlich Medikamente gegen Malaria austeilt. Wir begrüssen solche private Initiativen. Genauso wie es viele Schweizer Unternehmungen im Ausland mit ihrer Präsenz schaffen, viele wichtige Arbeitsplätze anzubieten. Wir sollten diesen Unternehmungen danken und ihnen nicht Regulierungen aufdrücken, welche es ihnen verunmöglicht, in einem Entwicklungsland zu arbeiten. Warum exportieren wir eigentlich nicht vermehrt unser Erfolgsmodell Berufsbildung in Entwicklungsländer und zeigen diesen jungen Menschen, wie man einen Beruf erlernt? Sie hätten damit eine Perspektive und müssten ihr Glück nicht im Ausland suchen. Wie wäre es, wenn unsere Kantonalbanken ein Entwicklungsbankensystem aufbauen würden, mit welchen wir den Privatsektor vor Ort stärken könnten? Langfristig würde die Schweiz dort sogar neue Handelspartner erschliessen können und wir könnten uns alle zu den Gewinnern zählen.

Liebe Schweizerinnen und Schweiz, die Sache ist eigentlich ganz einfach. Entweder helfen wir den Afrikanern zu einem besseren Leben in ihrem Land, oder das kleine Rinnsal an Flüchtlingen, welches versucht nach Europa zu gelangen, wird zu einem reissenden Fluss. Die Bevölkerung von Afrika ist jung und wächst schnell. Wohnten in 1950 225 Millionen Leute in Afrika, sind es heute 1 Milliarde. Im Jahr 2050 werden es 2 Milliarden junge, hoffnungsvolle, angstlose Menschen sein. Wenn Afrika sich nicht entwickelt, werden die Afrikaner zu uns kommen. Nicht Tausende, sondern Hunderttausende.

Liebe Schweizerinnen und Schweizer, was verlangen Abschottungspolitiker vom Bundesrat? Sich abzuschotten. Aber wie sollen unsere 2000 Grenzwächter das schaffen, wenn Hunderttausende an unsere Türe klopfen. Bringt der Ausstieg aus Schengen-Dublin die erwartete Lösung? Nein sicher nicht. Die Italiener würden den Tag zum Feiertag ernennen, denn mit einem solchen Beschluss würden sie allen Flüchtlingen ein Ticket nach Chiasso geben und das Problem wäre für sie gelöst. Die grüne Grenze überqueren ist für Leute, die in einem Gummiboot bereits das Mittelmeer überquert haben, ein kleineres Problem. Es ist unmöglich unsere Grenze dichtzuhalten. Die einzige Lösung ist eine international abgestimmte Flüchtlings- und Entwicklungspolitik und zwar mit der EU und mit den Herkunftsländern.
In der BaZ abgedruckt am 16. Mai 2015