Blog

Der Mann mit den Bäumen

Twittern | Drucken

Kennen Sie diese wunderbare Erzählung von Jean Giono „Der Mann mit den Bäumen“?

Der Hirte Elzéard Bouffier setzte während vielen Jahrzehnten immer wieder an verschiedenen Orten der Provence Eicheln in die Erde – Hunderte, ja Tausende, aus denen tatsächlich Eichen wuchsen. Später kamen Birken und Buchen dazu. Zuerst waren das alles bescheidene Setzlinge, dann wurden sie zu biegsamen Jungpflanzen, die noch vor Nagetieren und Schafen geschützt werden mussten. Über die Jahre wuchsen diese Setzlinge zu stämmigen Bäumen heran, denen nur noch heftige Stürme etwas anhaben können. Ja und aus den vielen Bäumen wurden Wälder. Diese Wälder brachten die Feuchtigkeit zurück an einen Ort, der nur kurz zuvor Einöde und Wüste war. Bald floss wieder Wasser durch Bachbetten, die seit Menschengedenken nur trocken waren. Weiden, Wiesen und Gärten erblühten wieder; verlassene Dörfer wurden wieder belebt. Kurz: Elzéard Bouffier hat eine grossartige Kettenreaktion in Gang gesetzt.

Er hat dies getan ohne Hintergedanken und ohne sich um die die Menschheit bewegenden Fragen nach Eigentum, Besitz oder Gewinn zu kümmern. Auch Zeit, Ansehen oder Anerkennung haben für ihn keine Rolle gespielt. Ja, Elzéard Bouffier wusste nicht einmal, wem das Land gehörte, auf dem er seine Bäume pflanzt, und es kümmert ihn auch nicht.

Die Veränderungen, die Elzéard Bouffier angestossen hatte, gingen so langsam vor sich, dass man sich an sie gewöhnte, ohne erstaunt zu sein – schreibt Jean Giono. Ja, als später Besucher der Gegend den Wald bestaunten, zu dem die ersten Eichen schon zusammengewachsen sind, sprachen sie von einem „natürlichen Wald“ – so harmonisch ist die Saat dieses Hirten aufgegangen, so selbstverständlich und natürlich hat Elzéard Bouffier die Landschaft reformiert. Und genau diese Harmonie, die aus der unerschütterlichen Beharrlichkeit, Genügsamkeit und Heiterkeit des Herzens dieses Hirten entfliesst, ist wohl sein Erfolgsrezept.

Die Geschichte und Entwicklungen verlaufen nicht immer harmonisch und linear. In der Regel sind viel zu viele Kräfte gleichzeitig am Werk, als dass sich Veränderungen in Ruhe anbahnen und festsetzen können. Manchmal schlummert die Saat auch lange im Boden, bevor sie – einer Explosion gleich – plötzlich doch noch aus dem Boden schiesst.

In unserer Gesellschaft braucht es manchmal solche Kraftakte – doch etwas von Dauer werden sie nur hervorbringen können, wenn eine tiefe und reife Überzeugung hinter ihnen steckt. Wenn Kraft, Grösse, Charakterfestigkeit, Unbeirrbarkeit und Geduld da sind, sich ganz und gar auf ein Ziel zu konzentrieren.

Sind es nicht die Tugenden, die wir uns auch von denjenigen Leuten wünschen, welche in unserer Gesellschaft, in Staat und in der Wirtschaft Verantwortung tragen? Tugenden, welche auch von mir als Politikerin abverlangt werden? Und wie oft lassen wir uns – gefangen in eigener Hektik, Ungeduld und Gier – blenden durch Oberflächlichkeit, Intoleranz und Schnelllebigkeit? Durch Vereinfachungen und der Sehnsucht nach schnellen Lösungen von Problemen, die wir wohl dringend lösen müssen, die aber nicht heute und nicht morgen nachhaltig gelöst werden können?

Geduld und Vertrauen – das sind wichtige Eckpfeiler unserer Gesellschaft. In der Vergangenheit wie hoffentlich auch in der Zukunft. Und davon lehrt uns Jean Giono mit seiner wunderbaren Geschichte vom Mann mit den Bäumen. Der einfache Hirte Elzéard Bouffier zeigt uns, was der Lohn für dieses Handeln ist – und dies mag gerade in unserer Welt Ansporn sein, dem Beispiel zu folgen: Wohl ist es kein Entgelt im herkömmlichen Sinn, nein – es ist der Weg zum Glück.

Kategorie: Allgemein | Kommentare deaktiviert für Der Mann mit den Bäumen

Zurück

Elisabeth Schneider-Schneiter

Kategorien